Rauchbrandkeramik von Imke Splittgerber

Zur Ausstellungseröffnung am 01.09.2015
gelesen von Marita Helbig

Liebe Gäste, allesamt Keramikfreunde,

ich begrüße Sie heute zu einer ganz besonderen Ausstellung, einem weiteren Höhepunkt in unserem Jahresprogramm: Imke Splittgerber zeigt Ihnen heute ihre Werke, und ich hoffe, Ihnen geht es ähnlich wie mir, nämlich: SIE WERDEN VERZAUBERT.

Und dennoch möchte ich mit dieser Einführung zur Ausstellung weniger auf die Arbeiten von Imke Splittgerber eingehen, als vielmehr auf ihre besondere Sicht, auf ihre außergewöhnliche Persönlichkeit, die ihr keramisches Schaffen möglich macht.

Beginnen möchte ich mit einigen Lebensdaten. Imke Splittgerber begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung als Realschullehrerin. Das Studium der freien Kunst und Keramik an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel schloss sich an und endete mit dem Abschluss zur Diplomkeramikerin. 1978 gründete sie mit dem amerikanischen Keramiker Jimmy Clark eine Werkstattgemeinschaft in Berlin und somit die erste eigene Arbeitsbasis. Sie wurde Mitglied im BBK und im Kunsthandwerkerverein in Berlin. Durch Jimmy Clark lernte sie auch Paulus Berensohn kennen, der in ihrem weiteren Arbeitsgeschehen noch eine große Rolle spielen wird.

Im Jahre 1989 richtet sich Imke familienbedingt eine Werkstatt in Mühlacker-Mühlhausen in Baden-Württemberg ein und arbeitet dort bis 2013. Im vergangenen Jahr erfolgte ein Umzug nach Boren in Schleswig-Holstein und auch hier gleich der Eintritt in den BAK Schleswig Holstein.

Imke Splittgerber ist eine Keramikerin, der ihr Handwerk in besonderer Weise ans Herz gewachsen ist. Stets bemüht um Ausdruck, streitbar für neue Wege und kommunikativ im Verhalten ihren Kollegen gegenüber. So führte sie ihr Weg 1999 und 2001 zu einem Studienaufenthalt in die USA in den Lehrbereich zu Paulus Berensohn.

Die Begegnung mit Paulus Berensohn könnte man als schicksalshafte Begegnung bezeichnen. Denn hier lernt sie die Pinchtechnik kennen, (pinchen = drücken, kneifen), die Technik, in der sie von diesem Zeitpunkt an all ihre Keramiken arbeitet. Zum Arbeitsinhalt wird es nun verstärkt, nicht einfach Produkte herzustellen, sondern das Wachsende in sich zu finden und zu fordern, um so individuelle einmalige Keramiken aus sich hervor zu bringen. So drückt sie eigenes Erleben in Ton aus.

Und sie sagt folgendes darüber:

»Seit über 40 Jahren ist die Arbeit mit Ton ein essentieller Teil meines Lebens. Vor 15 Jahren habe ich dann die Pinchtechnik kennengelernt und es war wie eine Offenbarung. Ich trete in direkte Verbindung mit dem Ton, alles wird aus einem Klumpen geformt. Immer mit beiden Händen am Material. Ich kann die Wandstärke in meiner Handfläche spüren und die Energie, die der Ton ausstrahlt, geht auf mich über. Die Pinchtechnik ermöglicht viele verschiedene Formen. Es ist eine langsame, fast meditative Arbeit. Die Form wächst in vielen Schritten zwischen meinen Händen auf meinem Schoß: UNSER LEBENSGEFÜHL WIRD IN UNSEREN FINGERN WACH, DER TON WIRD UNSER FREUND.«

Die Arbeit mit Paulus Berensohn brachte noch einen weiteren Aspekt in Imkes Arbeitsgeschehen. So informieren sich beide über Fragen, die amerikanische Wissenschaftler seit langem beschäftigen, und lassen diese in ihre Arbeit einfließen. Einige Thesen sollen hier genannt werden, die uns in Erstaunen versetzen sollten:

Ton ist im Grunde Sternenstaub.
Es ist möglich, dass Ton mit der Entstehung organischen Lebens auf der Erde zu tun hat.
Er trägt Energie in sich (schlägt man auf einen Tonklumpen, so strahlt er vier Wochen lang ultra­violettes Licht ab).
Es gibt etwas auf der Erde, was es weder auf der Sonne noch auf dem Mond gibt, nämlich Ton und Wasser.
Es gibt nur zwei Dinge, die Wasser für ihre Existenz benötigen: organisches Leben und Ton.
Reich strukturierte Tonsorten könnten als Schablonen für die Biosynthese gedient haben, also für be­ginnendes organisches Leben.

All das sind Aspekte, die einen lebendigen Umgang mit dem Ton mit sich bringen. Man könnte auch sagen, mit dem Ton in Zwiesprache zu treten, oder einen Dialog mit dem Ton zu führen. Und genau das ist der Titel eines Werkbuches von Paulus Berensohn, für welches Imke Splittgerber das Lektorat für die Übersetzung ausgeführt hat. Dieses Buch erschien 2003 in der deutschsprachigen Ausgabe im Hanusch-Verlag. Es ist ein wegweisendes Buch, ein Buch, welches Menschen, die mit Ton arbeiten, ob Laie oder Fachmann, zu einem inspirierenden Neuanfang ermutigt.

So hat auch Imke Splittgerber in der Pinchtechnik, der erweiterten Daumendrucktechnik, eine Art Be­freiung und Offenbarung zugleich erlebt. Das langsame Arbeiten mit dem Ton vermittelt Werte wie Erdverbundenheit, Aufmerksamkeit, Gelassenheit, aber auch Experimentierfreude und Offenheit für Neues. Beim Pinchen und Polieren geht sie – anders als beim Drehen auf der Scheibe – auf den Ton ein. Sie arbeitet intuitiv, aber auch bewusst mit dem Ton zusammen, eben im Dialog mit dem Ton, und lässt so eine Form entstehen, die für beide Seiten entspannt und freilassend ist.

Ihre so entstandenen Tonwerke strahlen eine Selbstverständlichkeit und Würde aus. Sie scheinen sich ihrer selbst und ihrer lebendigen Ausstrahlung bewusst zu sein. Kein Zierrat, keine aufdringliche Farbigkeit, keine Massenmarktform, sondern Schlichtheit, dezente Rauchmalerei und verinnerlichte Form.

Meditatives Geschehen beim Pinchen, aber auch körperlich harte Arbeit, ein zeitintensives Polieren per Hand, ein Verpacken der Stücke mit besonderen Beigaben, ein Übergeben der verpackten »Geschenke« in den Sägemehlbrand. Ein Hoffen, Wünschen und der Wille zum Überraschtsein, nachdem das Feuer seine Aufgabe erfüllt hat. All das macht den Prozess zum unerschöpflichen Quell für die nächsten Werke.

2012 erschien ein Beitrag in der Fachzeitschrift »Neue Keramik« von Ulla Zintzen, einer befreundeten Kunsthistorikerin und Publizistin, aus dem ich Ihnen abschließend einige Worte vorlesen möchte, die besonders gut wiedergeben, was uns heute hier umfängt:

»Der Betrachter spürt die Ruhe, die Kraft der Objekte, ohne vielleicht das Archetypische benennen zu können, was ihn fasziniert. Imke Splittgerbers Gefäße wirken trotz ihrer schwebenden Anmut verlässlich und verlangen danach, berührt, gestreichelt und bewundert zu werden. Sie sprechen in ihrer Einfachheit und Schönheit Hand, Herz und Seele gleichermaßen an. SIE SIND MUTIGE INSELN DER RUHE IM IMMER SCHNELLER WERDENDEN STROM DER ZEIT.«

 

Ausstellung vom 1. September bis 9. Oktober 2015